Heute besuchten wir das Gelände, auf welchem am 6. Februar 1840 der Vertrag zwischen Maori-Häuptlingen und der Britischen Krone unterzeichnet wurde, welcher als das Gründungsdokument des modernen Neuseelands gilt. Von unserer Terrasse aus haben wir direkten Sichtkontakt auf das historische Gelände (im Bild unten die Nase ganz rechts) im Ort Waitangi, welcher direkt an unser derzeitiges Domizil Paihia grenzt.

Die Anlage wirkt sehr gepflegt und grosszügig.

Und man geniesst schöne Ausbicke auf die Bay of Islands.

Am Fahnenmasten ganz oben die heutige Flagge Neuseelands, auf Mastmitte die Flaggen der Vertragsunterzeichner, links die englische Fahne und rechts die damalige Fahne Neuseelands, auf welche sich ein Grossteil der Maori-Stämme fünf Jahre zuvor, anno 1835, geeinigt hatte.

In diesem Haus wurde der Vertragstext, auf den wir unten noch eingehen werden, verfasst, übersetzt und allen Parteien zur Einsicht präsentiert.

Der Moment der Vertragsunterzeichnung. Für die Europäer war es der Beginn der Dominanz in Neuseeland, für die Maori der Anfang der Bedeutungslosigkeit. Um das zu verstehen, ist etwas Hintergrundinformation erforderlich.

Um das Jahr 1200 n. Chr. migrierte eine grössere Zahl von Polynesiern – die Ahnen der heutigen Maori – auf Wakas, einer Art hochseetauglichen Kanus, von Hawai her kommend, auf zwei Inseln, welche sie Aotearoa nannten. Sie trafen auf unbesiedeltes Land und nahmen es in Besitz. Rund 600 Jahre später begann die Migration von Europären auf ebendiese beiden Inseln, welche in deren Sprache New Zealand hiess, darunter viele Briten. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts hatten zwei Mächte koloniale Interessen an diesen beiden Inseln, Frankreich und England. Gleichzeitig begannen die Maori, sich von den Fremden bedroht zu fühlen und baten den König von England um Schutz. Die Maori-Häuptlinge arbeiteten eine Unabhängigkeitserklärung aus, die „Declaration of Independence of New Zealand“, welche die Britische Krone im Jahr 1835 genehmigte, vor allem, um französische Interessen abzuwehren. Doch das Benehmen einiger Briten in Aotearoa/New Zealand. welche sich eigenmächtig Land aneigneten, wurde zu einem zunehmenden Problem. Dieses Problem lösen sollte folgende Übereinkunft: Schutz der Maori durch die britische Krone und Kontrolle der Briten in Neuseeland durch ebendiese Krone. Im Gegenzug sollte der Britischen Krone ein Vorkaufsrecht gewährt werden, falls Maori Land verkaufen wollten. Das Ganze wurde vom britischen Offizier William Hobson in drei Artikel gefasst und von einem britischen Missionar und Vertrauensmann der Maori in deren Sprache, Maori, übersetzt. Das in Maori übersetzte Dokument unterzeichneten viele Maori-Häuptlinge und die britische Krone am 6. Februar 1840 im Ort Waitangi. Die englische Version wurde dagegen nur von wenigen Häuptlingen unterzeichnet.

Doch statt ein Problem zu lösen, hatten die Maori sich mit dieser Vertragsunterzeichnung ein neues, sehr viel grösseres, eingehandelt: In zwei für die britische Krone äusserst zenralen Punkten wich nämlich die Übersetzung in Maori von der englischen Version ab. Dies war den Maori-Häuptlingen verschwiegen worden:
Punkt 1: Während in der Maori-Version nur die Rede davon ist, dass die engliche Krone die Britischen Staatsangehörigen in Aotearoa kontrollieren werde, hiess es im englischen Text, die Queen habe volle Souveränität über alle in Aotearoa lebenden Personen, inklusive Maori. 
Punkt 2: In der Maori-Version war die Rede davon, die Maori würden die volle Autorität über ihr Land, ihre Ressourcen und ihren Lebensstil behalten. In der englischen Version fehlt der Hinweis auf den Lebensstil. In beiden Versionen erhielt die Krone ein Vorkaufsrecht.
Nur der dritte Punkt, dass die Krone die Maori wie britische Bürger schützen werde, ist in beiden Versionen deckungsgleich. 

Gestützt auf diesen Vertrag begann die Britische Krone sehr rasch, Maori-Gesetze zu erlassen. Gleichzeitig strömten Vertreter der Krone in ganz Neuseeland aus, um Maori von einem Landverkauf zu überzeugen. Obwohl sie wussten, dass diese ihr Land kollektiv besassen und kein Privateigentum kannten, genügte es den Engländern, wenn ein Maori den Kaufvertrag unterzeichnete. Doch der Verkauf harzte, weshalb die Krone dekretierte, wer nicht verkaufen wolle, sei ein Rebell und werde zwangsenteignet. All diese Massnahmen bewirkten, dass in 34 Jahren beinahe die gesamte Südinsel in das  Eigentum von Europäern übergegangen war, wie untenstehende Karte aufzeigt: Links Zustand von 1846, rechts von 1860. Der Maori-Besitz ist jeweils rot eingefärbt.

Auf der Nordinsel dauerte der Landtransfer zwar länger, 79 Jahre, fiel aber ebenso drastisch aus:

Schon bald nach der Vertragsunterzeichnung begannen Maori, gegen den Verlust ihres Landes und gegen die speziellen Maori-Gesetze zu protestieren. All dies führte im  Jahr 1975 zur Gründung des Waitangi-Tribunals. Das Tribunal soll Britische Gesetze, Praktiken und Handlungen auf ihre Übereinstimmung mit dem Vertrag von Waitangi in der Maori-Version überprüfen und dazu Maori und die Krone anhören. Denn: Die meisten Maori-Häuptlinge hatten nur die Maori-Version des Vertrages unterzeichnet, die Britische Krone handelte dann aber allein aufgrund des englischen Vertragstextes.

In den Jahrzehnten seit der Gründung des Waitangi-Tribunals hat die Britische Krone in Vergleichen Land an die Maori zurückgegeben und Schadenersatz geleistet. Allerdings konnte damit bislang nur ein kleiner Teil des Schadens beglichen werden. Die Arbeiten des Tribunals gehen weiter.

Gleichzeitig engagieren sich vor allem junge Maori mit viel Energie für den Erhalt ihrer Kultur. In Auckland haben wir eine Gruppe solch junger Maori kennengelernt, die dort ihre rituellen Tänze und Gruppenmotivationen vor einem bevorstehenden Kampf mit viel Herzblut und innerer Überzeugung darboten. Ganz anders als die Tänzergruppe heute (von welcher untenstehende Bilder stammen) in Waitangi. Dort Überzeugung, hier blosse Schau.

Viele Ansätze der Maori also, um ihren Platz in der Gesellschaft zurückzuerobern. Mit wie viel Erfolg, muss die Zukunft weisen. Von der derzeitigen, konservative Regierung jedenfalls können sie keine Unterstützung erwarten.